Alt versus älter werden

Seit 15 Jahren arbeite ich jetzt (mal mehr mal weniger) in der Softwareentwicklung. Und fast doppelt sie viel muss ich wohl noch, wenn ich mich an den üblichen staatlichen Vorgaben orientiere.

Und wenn es weiter so bergab geht, wird das echt schlimm mit mir enden. Der Übergang von Pubertät zur Midlife-Crisis kann beginnen.


Mein Interesse für Technik (damals hauptsächlich Computerspiele) hat ja schon im Alter von 10 Jahren begonnen. Wenn ich heute den Vergleich zwischen dem 10., dem 20. und dem 30. Geburtstag aufstelle, dann beginne ich mich vor dem 40. zu fürchten und möchte die anderen nicht mehr erleben.

Was war das damals für eine geile Zeit, wo man die Nächte durchmachen konnte und jeden Tag Wissen einsaugen und sich das dann auch noch merken konnte. Spätestens mit dem 30er wurde mir klar, dass mir diese Fähigkeiten immer mehr entschwinden.

Natürlich hatte das auch viel mit Motivation zu tun, die im beruflichen Alltag leider generell fehlt. Man lernt eben viel leichter Z80 Assembler wenn man sich davon einen Pokemon ROM Hack erwartet, und sich danach einfach nur “cool” fühlt, als wie wenn man in der Firma schon an der Spezifikation sieht, dass das so wahrscheinlich schlecht werden wird und man sich trotzdem mit den Fehlern anderer (und auch den eigenen) abquälen muss.

Aber auch das Hirn wird älter. Zweifellos kann man mit “Erfahrung” oft vieles erschlagen, woran man in der Jugend Wochen und Monate verbraten hat. Und dennoch trauere ich der Zeit hinterher, wo ich einen Text gelesen habe, und zumindest so weit verstehen konnte, damit ich unmittelbar etwas “produzieren” konnte.
Diese Fähigkeit, denke ich, geht im Alter mehr und mehr verloren und nachdem mehr Arbeit vor als hinter mir liegt, bekomme ich schon meine Bedenken, wir das in 5, 10 oder 20 Jahren aussehen wird, wenn der Verfall so weitergeht.

Ich weiß nicht, ob andere Menschen das auch so wahrnehmen, oder ob es mir intensiver auffällt, wenn ich durch Aufzeichnungen und Zeitstempel im Dateisystem durchblättere.
Die schlimmste Vorstellung ist dann jene, dass ich mit 60 Jahren auch vor einem Monitor sitze und absolut unproduktiv vor mich hintippe.

Interessant ist auch, wie man Thematiken anders wahrnimmt. Mein Lieblingsbeispiel aus der Anime Welt stammt aus Naruto, wo der Gegenspieler Orochimaru danach trachtete die Körper von Jugendlichen zu übernehmen um seine eigenes Leben zu verlängern. Da war klar, dass es diesen Charakter zu bekämpfen galt.
Heute hingegen kann ich diesen “Wunsch nach der ewigen Jugend” nachvollziehen. Denn das Wissen, dass einmal alles erarbeitete durch den Tod verloren gehen wird, reift erst mit der Lebenserfahrung heran. Und wäre es nicht toll, wenn man die gesamte Lebenserfahrung auf ein junges frisches Gehirn übertragen könnte und dann ohne Schmerzen und Einschränkungen unbeschwert weiterleben könnte?

Aber vielleicht ist genau das der große Vorteil, nämlich durch das Altern Vergänglichkeit besser erfassen zu können. Man liest weniger die Zeilen, sondern zwischen den Zeilen und entdeckt dabei Dinge, die man sich in der Jugend kaum vorstellen konnte.

Man holt damit aus Daten einen höheren Wissendurchsatz heraus … und somit ist es nicht mehr so schlimm, dass man ob des Alters weniger liest, aber dafür aus dem Wenigen mehr herausbekommt.

Auch kenne ich heute kein nervöses Herzklopfen mehr, wenn ein “Test” ansteht, und sitze entspannt vor dem Chef, weil ich das meiste, was kommen wird schon kenne. Das schlimmste was passieren kann, ist dass man eine neue Tätigkeit suchen muss, wenn ein Job zu Ende geht. Das ist zwar lästig, aber spätestens ab dem 3. Mal auch kein Drama mehr, während in Jugendtagen alleine ein neues Gesicht im Klassenzimmer schon eine Art Unbehagen auslösen konnte.

Fazit

Ich bin also ein bisschen gespalten, was das älter werden anbelangt. Gerne hätte ich wieder “die Kraft der Jugend” zurück, vor allem die Wirbelsäule von damals, die nach 16 Stunden sitzen nicht weh tat.
Aber die erworbene Erfahrung von heute würde ich nie und nimmer aufgeben wollen. Da bin ich über jede Minute und jeden Fehler, den ich gemacht habe dankbar, dass ich es hinter mir habe und darauf aufbauen kann.

So lange es also keine technische Möglichkeit gibt, den Verstand zu 100% verlustfrei auf einen frischen Körper zu übertragen, muss ich anerkennen, dass das älter werden gar nicht so schlimm ist, wie es manchmal wirkt.

Man muss sich nur bewusst daran erinnern, wie gut es einem geht, auch wenn man mal griesgrämig aufwacht.

Alt werden ist zwar nervig, aber älter werden wird um so besser, je mehr man getan und erlebt hat.
… und jetzt bin ich gespannt, was ich in 10 Jahren davon halte, wenn ich diesen Text hoffentlich zufällig wiederfinden werde …


Wenn sich eine triviale Erkenntnis mit Dummheit in der Interpretation paart, dann gibt es in der Regel Kollateralschäden in der Anwendung.
frei zitiert nach A. Van der Bellen
... also dann paaren wir mal eine komplexe Erkenntnis mit Klugheit in der Interpretation!

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