Fremdschämen im Fernsehen

In den Jahren 2000 und 2001 wurde ich mit dem damals noch recht neuen ersten Privatfernsehsender Österreichs konfrontiert.
Nachdem ich mit dem ORF aufgewachsen bin, aber schon gelegentlich über das Satellitenprogram diverse deutschen Sender kannt, dachte ich:

Naja, das wird jetzt ein sanfteres SAT1 oder RTL werden.

Doch leider gilt wie immer: Nur durch Skandale drängt man sich in Ellbogenmanier nach vorne.


Zwei Formate aus der damaligen Zeit haben sich bei mir derart negativ ins Gehirn gebrannt, dass ich sie noch heute teilweise vor Augen habe.

Und das waren die Talkshow “Speed” und “Tausche Familie”.

Aber zuvor noch eine andere Rückblende…

Ich weiß nicht mehr wo ich es gehört habe und wer es zuerst ausgesprochen hat, doch es gab mal eine Diskussion um die Werte in unserer Gesellschaft. Und da meinte ein Diskutant in etwa:

Es hat mit der Serie Dallas begonnen. Das war unter den biederen Sendungen damals eine der ersten, wo klar zu erkennen war, dass “der Böse” die nachzueifernde Hauptfigur ist. Machtgier, Reichtum und herabwürdigendes Verhalten wurde “sexy” dargestellt und nie mit Strafe oder Gerechtigkeit aufgewogen.

Und die Aussage hat was. Nachdem wir lange mit überkorrekten und Familienvätern und brav hinter’m Herd stehenden Hausfrauen medial bespielt wurden, kam eine neue Generation von Negativ-Helden auf, in der Betrügereien als straffreier Normalfall abgedreht wurden.

Und wie setzte man im Jahr 2000 hier nochmals eins drauf?

Speed

Die von Hatschi Bankhofer moderierte Talkshow ist so ziemlich das niveauloseste, was ich jemals gesehen hatte. Und leider galt auch hier:

Es ist so schrecklich, ich kann gar nicht wegsehen.

Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren wurde mit skurilen Vorlieben, schrägen Meinungen und vor allem mit vielen derben Wortmeldungen vorgeführt und das gleichaltrige Publikum wurde nach amerikanischen Vorbild angestachelt die Wortgefechte immer weiter aufzuheizen.

Es war wohl eine Zielsetzung im Minutentakt Wörter wir “Titten”, “Schwanz” und “Ficken” immer wieder einzustreuen, um zu demonstrieren, um wie viel mehr man sich gegenüber öffentlich-rechtlichen Sendungen noch herausnehmen konnte.

Als Österreicher schäme ich mich in Grund und Boden dafür, dass es gelungen ist, das ohnehin tiefe Niveau deutscher Talkshows noch um einige Etagen tiefer zu legen um so einen Negativrekord aufstellen zu können.

Neulich sind mir auf YouTube wieder einige dieser alten Folgen “begegnet” und ich kann nur sagen, wie froh ich bin, dass außer dieser letzten Reste nichts weiteres von dieser Sendung mehr geblieben ist.

Tausche Familie

Eine der ersten Episoden dieser Serie, in der meist zwei Frauen zweier Familien für eine Woche ausgetauscht wurden, sorgte in meinem Heimatland für eine breite Diskussion in den Medien bis hin zum örtlichen Stammtisch.

Denn hier wurde (wohl absichtlich) eine junge Frau einer türkischen Familie mit dem proletuiden Gegenstück einer mehr als rassistischen Familie in Wien in Szene gesetzt.

Alleine die Gesichtsausdrücke aber erst recht die beschämende Sprache “meiner Landsleute” ist vermutlich die extremste Zurschaustellung von offenem Fremdenhass in Österreich seit den 40er Jahren gewesen.

Sogar in Büros und an allen anderen Arbeitsplätzen war die Ausstrahlung der Sendung Thema Nummer 1.

Sind wir so?

War die korrekte Frage damals. Und:

Nein, nein, wir doch nicht!

die verlogene Antwort darauf.

Dieser Eklat wurde zwar bewusst “produziert” um damit möglichst viele Schlagzeilen zu machen, doch jene rassistische Familie hatte kein Drehbuch, sondern redete einfach frei heraus.

Genau diese extremen Darstellungen haben den Effekt, dass wir mehr und mehr verrohen. Wir (und vor allem die nächste Generation) nehmen uns dann alle kein Blatt mehr vor dem Mund, weil wir ja “im Fernsehen” gesehen haben, dass es eh in Ordnung geht, wenn man seine Gehässigkeit einfach auslebt.

Und was war die Konsequenz?
ATV hatte traumhafte Zuseherzahlen und eine türkische Frau durfte eine Woche lang sprichwörtlich durch die Hölle gehen …

Fazit

Das Schlimme ist, dass diese Bilder von den meisten Menschen wieder vergessen wurden. Doch der Inhalt hat sich unterbewusst manifestiert und eine Vielzahl von Folgeserien mit ähnlich niedrigem Niveau produziert.

Es ist natürlich Blödsinn zu behaupten, dass deshalb gleich “die Gesellschaft” ins Wanken gerät, aber eines steht für mich fest: Geholfen haben diese Exzesse nicht uns weiterzubringen.

Und es entsetzt mich in diesen Spiegel blicken zu müssen, der mir aufzeigt, dass wir nicht die feinen freundlichen liebenswerten Weltretter sind, als die wir uns gerne aufspielen, sondern dass das perverse Nazischwein tief gesellschaftlich in uns verankert ist.

Und um abschließend ein lustiges abgewandeltes Zitat aus dem Film Trainspotting zu bringen:

Es tut jedem gut, mal die Sau rauszulassen.

Nein, dem Typen würde es gut tun die Sau festzubinden.

… und das sollten einige Medienmacher auch mal beherzigen! Hoffentlich bleiben der Bevölkerung weitere solche Produktionen erspart.


Wenn sich eine triviale Erkenntnis mit Dummheit in der Interpretation paart, dann gibt es in der Regel Kollateralschäden in der Anwendung.
frei zitiert nach A. Van der Bellen
... also dann paaren wir mal eine komplexe Erkenntnis mit Klugheit in der Interpretation!