Fernsehen am PC

Nachdem der Millennium-Bug (wie erwartet) überhaupt nichts angerichtet hatte, war eine der ersten Investitionen im neuen Jahrtausend eine TV-Karte.

Ich hatte bei einem Bekannten mit großen Augen verfolgt, wie er “am Computer” das terrestrisch ausgestrahlte Fernsehprogramm in einem Fenster unter Windows 98 sehen konnte, und wusste: “Das will ich auch haben!”

Meine erste Karte war dann von Hauppauge mit dem guten alten Brooktree Chip Bt878.
Es war ein klassischer TV-Tuner mit Koaxial-Antennenkabelanschluss, der mit der Software WinTV betrieben wurde. Image

Die Bildauflösung lag damals so bei 384 x 288 Pixel.
Heute nennen wir soetwas “Briefmarke”, doch wer sich noch an damals erinnert, der weiß, dass im ländlichen Raum der Empfang ohnehin nie scharf genug war, um die PAL-Auflösung von 768 x 576 vollständig zu sehen.

Hinzu kommt, dass die Bildschirmauflösung in jenen Tagen bei 800 x 600 Pixel lag, womit ein 384x288 breites Fenster ein Viertel des Bildschirms abdeckte. Und das reichte aus, um neben seinen Tipparbeiten ein Fernsehfenster in der Bildschirmecke zu halten.


Mein damaliger PC, ein Cyrix 6x86MX mit irgend was zwischen 200 und 300 MHz konnte mit seiner Grafikkarte das TV-Bild noch gerade so anzeigen.
Natürlich erst, nachdem ich alle möglichen PCI-Slot-Kombinationen für die Karte durchprobiert hatte und das BIOS der Karte einen eigenen IRQ zugeordnet hatte.
War dem nämlich nicht so (Stichwort: IRQ-Sharing), kam es bei anderen Hardwareaktivitäten zu lustigen Bildstörungen.

Aber es dauerte nicht lange, bis ich mehr wollte … und das waren Video-Aufzeichnungen.
In einem Wort: Unmöglich!

Für unkomprimierte Originalbilder wie auch das optimierte BT878 Format war schlicht und ergreifend die Festplatte nicht schnell genug. Während die ersten 30 Sekunden noch RAM und Caches ausfüllten, schaffte die Platte die nötige Transferrate bei weitem nicht.
Und somit begann spätestens nach einer Minute der Frame-Drop, also das Verlieren von Einzelbilden und am Ende wurden von 25 Bildern pro Sekunde nur noch 1 bis 4 gespeichert.

Abhilfe schaffte ein neuer Computer. Ein AMD Duron mit 700 MHz und die für mich neue Festplatte, die bis zu 66 MB pro Sekunde schaffen sollte.

Mit diesem Gerät war Video ein neuer Sport für mich geworden, denn endlich war die Festplatte schnell genug um alles zu speichern.

Wenn um 20:15 Uhr der Abendfilm ausgestrahlt wurde, konnte ich die 90 Filmminuten gerade noch so auf der 3 Gigabyte Partition mit der Bt878 Kompression unterbringen.

Und da zu jener Zeit der neue DivX-Codec auf den Markt kam, folgte die Kompression der Video- und Audio-Aufzeichnung mit DivX 3/4 und MP3 gleich im Anschluss, womit eine 650 MB große AVI-Datei entstand.

Diese wurde gewissenhaft auf eine CD gebrannt und noch ein kleines Deckblatt für die Hülle ausgedruckt.
… so entstand meine erste kleine digitale Video-Sammlung.


Man kann sich das heute in Zeiten von HD und Ultra-HD mit 7000 x 4000 Bildpunkten überhaupt nicht mehr vorstellen, dass Auflösungen mit 384 x 288 gut aussehen konnten - doch für mich war es so.
Und im ernst, das Fernsehen war damals auch auf dem großen Schirm nicht viel besser.

An dieser Stelle kommt wie immer mein Verweis auf Michael Niavarani, der einst meinte:

Wozu brauch’ ich HD?
Wird das Programm dadurch besser?
Nein!
Es ist der gleiche Dreck, man sieht ihn nur deutlicher!


Wenn sich eine triviale Erkenntnis mit Dummheit in der Interpretation paart, dann gibt es in der Regel Kollateralschäden in der Anwendung.
frei zitiert nach A. Van der Bellen
... also dann paaren wir mal eine komplexe Erkenntnis mit Klugheit in der Interpretation!