Ostern und die Ratscher-Buam

Heute erzählte mir meine Mutter, dass seit langem wieder mal ein älterer Brauch am Land es bis zu ihr in die Seitengasse geschafft hatte:
Die Ratscher.

Als Kind erklärte man mir diesen Osterbrauch sinngemäß so:

Zu Ostern fliegen die Kirchenglocken alle nach Rom. Und deshalb müssen die Dorfburschen mit ihren Ratschen die Leute an die Zeit erinnern.

Ich würde daher sagen: Ratschen ist eine analoge Form von NTP.


Ratschen

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es mein Großvater oder Onkel war, der mir damals meine erste Holz-Ratsche in seiner Werkstatt zusammengeschnitzt hat, jedoch werde ich das 15cm dicke Zahnrad mit Kurbel und die 3 Klapperbretter nie vergessen.

Es muss wohl schon kurz nach meinem Schuleintritt gewesen sein, als ich das erste mal im Dorf der Großeltern mit den ältern Burschen mitmarschieren durfte, wenn zu Ostern am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag jeweils früh am Morgen, zu Mittag und am Abend Krawall gemacht werden sollte, um das ganze Dorf an die Zeit zu erinnern.

Meines Wissens ist der Ratscher-Brauch in vielen Teilen Österreichs üblich, wenngleich er mit der Größe von Städten seltener wird.
In den Dörfern marschiert dann jedenfalls eine Gruppe von Kindern durch die Straßen, betätigt kräftig die Ratschen und sorgt somit für ausreichend Krach, damit jeder es hören kann.

Der Weckruf

Zeitig am Morgen (es muss wohl 6 Uhr gewesen sein) hieß es:

Wir ratschn, wir ratschn Dumpa-Mettn.
Leitln steht’s auf, backt’s Osterflecken!

Es gab zwar nie eine “Dumpa-Mette” (Frühmesse) in der Dorfkapelle und man hat mir auch nie “Osterflecken” serviert, aber die Leute vor hundert Jahren wussten bestimmt, was damit gemeint war.

Mittag

Das kurze und knackige:

Wir ratschn, wir ratschn: Zwölfe!

war am einfachsten zu merken … und von Haus zu Haus wurde das Zwölfe immer musikalischer über Straße getrillert.
Auf jeden Fall hat das Mittagessen danach immer besser geschmeckt, weil man es sich so richtig verdient hatte.

Karfreitag um 15 Uhr

Eigentlich sollten am Freitag um diese Zeit alle braven Christen in die Stadt zur Kirche gefahren sein um den Gottesdienst zu feiern.
Doch wer zu Hause geblieben war, wurde von uns erinnert:

Wir ratschn, wir ratschn das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus!
Leitln, fallt’s nieder auf euchere Kniea.
Betet’s drei Vater unser und Ave Maria.

Der Abend-Gruß

Und am Ende des Tages (so gegen 18 Uhr) zog die Truppe ein letztes Mal durchs Dorf um zu bekunden:

Wir ratschn, wir ratschn den englischen Gruaß,
den jeder katholische Christ beten muaß.

Dass der “Engel-ische” Gruß zu “englisch” mutiert war, verärgerte unter anderem den Stadtpfarrer besonders, der mit diesen “lokalen” Ratscher-Sprüchen wenige anfangen konnte.
Generell gibt es aber meines Wissens keinen festgelegten Text, der beim Ratschen gesprochen werden musste. Das regelte jedes Dorf offenbar ein bisschen anders.

Lokale Traditionen

So läuft das in manchen Dörfern schon seit vielen Generationen ab. Es gibt kein Handbuch dafür und die älteren Jungs bringen die Sprüche den jüngeren 10 Minuten vor Beginn einer Tour bei.

Eigentlich eine schöne Sache, die die meisten Kinder zwischen 7 und 14 Jahren jährlich mitmachen. Ich weiß nicht, ob das Ritual ursprünglich eine reine “Männersache” war, weil am Anfang immer nur von den “Ratscher-Bubn” die Rede war.
Doch mangels männlichem Nachwuchs gingen bereits ein paar Jahre später meine Kusinen mit und übernahmen “das Geschäft” später ganz. Und heute sind es ihre Töchter und Söhne, die diese alte Tradition fortführen.

Der Verdienst

So ehrenamtlich die ganze Sache im Grunde natürlich ist, so will am Ende aber niemand auf das “Absammeln” vergessen.
Denn es kamen beim letzten Rundgang stets die Hausbewohner auf die Straße um den Ratschern etwas Gutes zu tun.

Deshalb wurde immer eine Geldbüchse und ein Sack mitgenommen, um Geldspenden, Süßigkeiten und Ostereier mitnehmen zu können. Geld und Speisen wurden dann unter den Ratschern gerecht aufgeteilt und somit war das Osternest auch ohne Zutun des Osterhasen bei allen Ratschern gefüllt.

In gewisser Weise ist es ein bisschen vergleichbar mit dem amerikanischen Halloween nur eben zu Ostern und ohne Verkleidung, dafür aber mit lautem Geknatter.

Fazit

Meine Religiosität und Teilnahme an kirchlichen Aktivitäten liegt wie mein Kirchenaustritt jetzt schon etwa 20 Jahre zurück.

Und seit ich in Wien wohne, gehören solche Rituale nicht mehr zu meinem Alltag.

Aber ich freue mich, dass es diese Tradition in den Dörfern gibt, weil es die Jugend in die Gemeinschaft einbindet und schöne Erinnerungen beschert.

Meine Mutter, die in einer kleinen Stadt in der Nähe des Dorfes meiner Großeltern wohnt, hatte in ihrer Siedlung auch viele Jahre keine Ratscher mehr gesehen, doch nun hat ein Nachbar auch dort die Tradition wieder eingeführt.

Und das ist wirklich gut so.

In diesem Sinne: Frohe Ostern!

Nachtrag

Die Glocken fliegen übrigens nachweislich nicht nach Rom in der Osterzeit.

Jahre später stellte ich fest, dass nur das elektronische Läutwerk der Stadtkirche in der Osterwoche abgeschaltet wird.

Nun wird klar, was Richard David Precht meinte, als er nach einem Gespräch mit einem Linzer Bischof sagte:

Die Kirche hatte 2000 Jahre lang das Monopol auf erfundene Wahrheiten (Fake News).


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Wenn sich eine triviale Erkenntnis mit Dummheit in der Interpretation paart, dann gibt es in der Regel Kollateralschäden in der Anwendung.
frei zitiert nach A. Van der Bellen
... also dann paaren wir mal eine komplexe Erkenntnis mit Klugheit in der Interpretation!