Ich lebe in einer echt schönen Stadt

Weihnachten hatte vor allem den Vorteil, dass ich endlich endlich einmal wieder die Fenster geputzt habe und die Solarzellen am Fensterbrett dankten es mit mindestens 10% mehr Leistung ;) (Schon eindrucksvoll, was sich da an der Scheibe alles ansetzen kann!)

Und auch wenn der Ausblick auf einen Hinterhof im Arbeiterbezirk oder die Querstraße auf der anderen Seite der Wohnung nicht der gleiche Augenschmaus ist wie der Schlossgarten von Schönbrunn, so empfinde ich dennoch eine tiefe Dankbarkeit in Wien leben zu dürfen.

Obwohl in Wien geboren, wuchs ich “auf dem Lande” auf, wo es mir an Freiheit und einer gesunden und wunderbaren Umgebung nicht fehlte.
Doch das drängende Interesse an Technik, Internet und auch nach einem Beruf in diesem Umfeld zog mich wieder zurück in die Hauptstadt.

Während sich vermutlich einige in meiner kleinen Wohnung eingeengt fühlen, bietet sie für mich das Sprungbrett in jene Welten, die mich nun schon seit so vielen Jahren faszinieren.
Denn wenn es um die Infrastruktur der Netzanbindung und des Fachhandels geht, sind Städte (leider) dem Land immer noch um Jahre voraus.

Doch in Großstädten existieren auch Verbrechen, soziale Isolation und Umweltverschmutzung, die es “auf dem Dorfe” - dort wo noch alles in Ordnung ist - nie gab und geben wird, so der Tenor.

Die Medien offenbaren uns Bilder von Slums, Obdachlosen und anderen prekären Lebensverhältnissen und zeigen uns so manche Abgründe in den großen Städten der Welt auf.
Und wenn erst Menschen und Ordnungskräfte an einander geraten, Autos brennen und zur Revolution aufgerufen wird, kann sich jeder Bauernhofbesitzer ruhig zurücklehnen und sagen: “Bei UNS gibt es soetwas nicht.”

“Wien ist anders” lautete einst ein Werbeslogan, dem ich mehr und mehr zustimmen kann.
Vieles läuft auch bei uns jeden Tag schief, Ungerechtigkeit gärt ebenso in den Gassen wie auch die typisch wienerische Unzufriedenheit mit jedem und allem.

Doch trotzdem schafft es “mein Wien”, die kritische Masse nicht zu übersteigen.

Und für jeden “Grantler”, dem man den Zorn auf der Stirn beim U-Bahn-fahren ablesen kann, gibt es mindestens

  • eine liebe Frau, die mit ihrem Hündchen spazierend jeden anlächelt
  • ein aufgewecktes Kind, das einem den Sitzplatz anbietet
  • einen netten Herrn, der einem die Tür aufhält

Die Dame am Würstelstand erzählt einem zwar sofort ungefragt, dass alles immer schlimmer wird, schwängt dann aber um, wie schön der Sonnenuntergang sei, dass sie die bravsten Kinder der Welt hat und dass sich zum Glück alle bester Gesundheit erfreuen.

Dass auf die Frage “Wie geht es Ihnen heute?” oft ein

Schlecht! Ich kann nicht klagen.

folgt, zählt bei uns eher zum Kulturgut, als dass es als Kritik gilt.

Im Schlechtreden sind wir Wiener echt gut, ich selbst leiste ja auch gerne meinen Beitrag dazu.

Jedoch sollten wir aber nicht vergessen, dass wir trotz vieler sozialer Spannungen ein mehrheitlich oft unbemerkt harmonisches Klima haben, dass es uns recht gut geht, und dass wir uns auf den anderen auch verlassen können.

Daher danke ich meinem Glück, so wohlbehütet leben zu können und würde mir wünschen, dass wir dieses Konzept auch an andere Großstädte auf der Welt weitergeben können.


Warum ich das schreibe?
Nun ja, ich habe wieder einmal die weltweiten Nachrichten verfolgt. Und da wurde mir nicht nur subjektiv sondern auch objektiv klar:
Daheim ist es eben doch am besten!


Wenn sich eine triviale Erkenntnis mit Dummheit in der Interpretation paart, dann gibt es in der Regel Kollateralschäden in der Anwendung.
frei zitiert nach A. Van der Bellen
... also dann paaren wir mal eine komplexe Erkenntnis mit Klugheit in der Interpretation!