Youtuber

So wie wir im Lateinunterricht lernten, dass alle römischen Briefe mit dem Intro

Si tu vales, bene est, ego valeo. (Wenn du gesund bist, ist es gut, mir geht’s [auch] gut.)

versehen sind, so werden künfige Generationen von “meiner” Zeit glauben, dass:

Hey Leute, was geht ab? Herzlich willkommen zu meinem neuen Video!

die übliche Grußformel am Anfang des 21. Jahrhunderts war.


Ich finde sie ja total lustig, unsere YouTuber, wie sie mit gestylten Haaren und ihren selbst gebauten Greenscreen-Studios jeden Tag die restliche Welt davon überzeugen wollen, dass sie die “coolsten Typen ever” sind.

Unsere Jugend ist es - und das muss man hoch anerkennen - selbstständig gelungen eine positive Alternative zur heute eher kritisch anmutenden Alltagsgesellschaft zu etablieren.

Interessant finde ich, dass das in meiner Jugend in den 90er Jahren (vor allem als Nachtrag der 80er Jahre) eher umgekehrt war. Damals trug das Fernsehen in erster Linie positive Inhalt fast belehrend vor, während die Jugend skeptisch und eigenbrödlerisch die Null-Bock-Generation formte.

Und was ist heute? Die Medien zeigen uns primär Katastrophen und Bedrohungen, dokumentieren, wie Politiker Gladiatorenkämpfe durch immer lauteres Schreien austragen und … die Jugend?
Die vernetzt sich, lebt ein von lachenden Selfies dominiertes Feel-Good-Leben und macht ihr eigenes Ding.

So zumindest mein Eindruck.

Doch ein bisschen mache ich mir Sorgen, was mit den Leitbildern (auch Influencer genannt) langfristig geschehen wird. Denn der größte Nachteil der Jugend ist, dass sie vergänglich ist. (Natürlich gibt es auch ältere Vertreter in diesem Genre … aber ihr Zahl ist deutlich geringer)

Und wenn der auf YouTube und Instagramm zur Schau gestellte “coole Junge” oder das “heiße Mädchen” die Grenze von 25 Jahren, also nach 10 Jahren im Online-Showgeschäft, hinter sich haben, tja was dann?

Wir wissen es nicht, weil es den Karriereweg des YouTubers bisher nicht gab und keine Langzeiterfahrung existiert.

Doch eines habe ich durch eine interessante Begegnung in meinem Leben schon gelernt, nämlich aus dem Schicksal der “Kinderstars”.

Diese gibt es schon seit über 50 Jahren, sie erleben große Erfolge in jungen Jahren und landen dann … leider auch an sehr dunklen Orten.

Es verändert einen schon, wenn man heute von einer Million Menschen gefeiert wird, und morgen nur noch 10 Hardcore-Fans hinter einem stehen, die vielleicht auch noch Stalkertendenzen aufweisen.
Drogen und Alkohol sind leider oft der Wegbegleiter, wenn 30 jährige ehemalige Berühmtheiten mit der Rolltreppe nach unten fahren.

Und eben dieses Schicksal wünsche ich niemandem.

Ich sehe mir inzwischen auch gerne die Videos der immer freundlichen, immer motivierten und cool auftretenden Eigenregisseure an, weil es künstlich ein Gefühl der Leichtigkeit und Problemlosigkeit vermittelt.
Doch eigentlich sollte hier mehr Selbstkontrolle und Schulung Einzug halten.

In den von unseren “Stars” gerne gespielten (live-gestreamten) Quizfragen zeigt sich dann, dass die Schulbildung den Likezahlen gewichen ist. Und so wie Justin Bieber einst nicht wusste, welche Kontinente unser Planet hat und Kanada und USA als zwei davon aufzählte, so fallen mir schwere Defizite in Grammatik, Mathematik und Allgemeinbildung bei vielen Influencern auf.


Doch die Sache hat auch etwas Positives: Denn vielleicht haben sie nicht ganz so viele Likes wie die da oben, doch viele junge Menschen publizieren heute ihre Projekte, die sie sich fast wissenschaftlich erarbeitet haben.

Eine junge Studentin stellt z.B. ihren Laborplatz vor und schwärmt von ihrer Bachelor-Arbeit, ein Schuljunge präsentiert stolz seinen selbst gebautes Labornetzteil. Ein Jugendgruppe zeigt mindestens wöchentlich, wie sie durch Flohmärkte Geld für Sozialprojekte eintreiben können. Und mit dem Umweltschutz setzen sich halbe Städte in Bewegung um für eine bessere Welt zu demonstrieren.
Und das wird eben auch von “Influencern” ausgelöst.

Also … alles in allem werden die Jungs und Mädels von Morgen das schon hinbekommen … wenn gleich auch nicht alles so glänzend bleiben wird, wie man es mit Videofiltern auf YouTube hochladen kann.


Wenn sich eine triviale Erkenntnis mit Dummheit in der Interpretation paart, dann gibt es in der Regel Kollateralschäden in der Anwendung.
frei zitiert nach A. Van der Bellen
... also dann paaren wir mal eine komplexe Erkenntnis mit Klugheit in der Interpretation!