Irgendwo in Europa

Es ist 23:00 Uhr ein damit bin ich von meinem Eid befreit, nicht über die heutige EU Wahl zu sprechen.

Das erste mal in meinem Leben durfte ich als sogenannter “Ersatzbeisitzer” in einem Wahllokal in meinem Bezirk sitzen.


Wir lernen zwar in der Schule, dass wir in einer Demokratie leben, doch bisher beschränkte sich das für mich auf das gelegentliche Ankreuzen alle paar Jahre … meist nicht mal das.

Doch in den letzten Jahren ist mir aufgefallen, dass neben jenen, die gerne Vorne stehen und sich als große Retter, Beschützer und Vertreter feiern lassen, eigentlich auch andere immer wieder verlässlich zur Stelle sind, wenn es darum geht sicher zu stellen, dass “das Volk” seine Stimme einbringen kann.

Und so habe ich dieses Jahr mal im politisch tätigem Bekanntenkreis nachgefragt, wer eigentlich die Wahlstimmen auszählt.

Einfache Leute wie du und ich.

war die Antwort. Jede zur Wahl zugelassene Partei kann freiwillige Personen als Wahlbeisitzer vorschlagen. Ziel ist, dass möglichst alle politischen Richtungen wie auch Unabhängige dabei sind und nicht nur “einschlägige” Parteisoldaten.

Heute Sonntag früh um 6:15 Uhr war Treffpunkt im schon zwei Wochen zuvor bekanntgegebenen Wahllokal, in meinem Fall einer Wiener Schule. Ebenso wurde mir ein Link zu einer Schulungsseite des Innenministeriums übermittelt, wo man alles über einen korrekten Wahlablauf lernen kann und am Ende darüber mit ein paar Fragen abgeprüft wird.

Bis zur Öffnung des Wahllokals wurde uns vom Wahlleiter und seinem Stellvertreter noch eine Einführung gegeben, wie wir die Wähler schriftlich festhalten sollen und am Ende folgte die Ablegung des Eides, bis 23:00 Uhr (Schließung des letzten Wahllokals in der EU) nicht über die erlebten Ereignisse der Wahl sprechen zu dürfen.

Und so kamen tröpfchenweise Wählerinnen und Wähler in den Raum, und zeigten ihre Wahlinformationskarte mit ihrer Nummer im Wählerverzeichnis vor. Jeder von uns Beisitzern hatte einen Teil der Liste aller registrierten Wähler vor sich und wir lasen dessen Namen hinter der Nummer laut vor. Der Wahlleiter bzw. sein Stellvertreter prüfte inzwischen, ob auf dem vorgezeigten Lichtbildausweis der gleiche Name vermerkt war.

Dann wurde die fortlaufende Nummer der Stimmabgabe genannt, die wir wiederum beim Wähler eintrugen. Also erster Wähler Nr. 1, zweiter Wähler Nr. 2, usw. Darauf hin wurde der Stimmzettel samt Kuvert überreicht und in der Wahlkabine ausgefüllt, um das befüllte Kuvert am Ende in die versiegelte Urne zu werfen.

So läuft das also ab. Wähler im Verzeichnis finden, seine Nummer nennen, und parallel seine “Stimmabgabenummer” erfassen.

Wenn jemand seine Infokarte mit seiner Nummer nicht dabei hatte, musste er über seine Wohnadresse gesucht werden, denn die Listen waren nach Adressen sortiert.

Während des Tages gab es einige Kontrollen von Beamten, die feststellten ob alles ordnungsgemäß ablief und ob Fragen aufgetreten waren. Aber außer einigen wenigen Fällen, wo Wähler im falschen Wahllokal erschienen, lief alles ruhig und geordnet ab.

Um 17:00 Uhr wurde das Lokal geschlossen und die Wahlurne geöffnet. Zuerst wurden die Kuverts durchgezählt, ob deren Anzahl gleich der letzten Stimmabgabenummer war … und das war auch so.

Dann wurden die Kuverts geöffnet und die Stimmzettel nach Parteien gemeinsam durchsortiert, wobei immer wieder gegengerechnet wurde, ob die Gesamtsumme stimmte.

Nach der Sortierung nach Parteien wurden noch Vorzugsstimmen und vorzugslose Stimmzettel aussortiert.

Bei gegenseitiger Kontrolle trug dann der Wahlleiter alle ausgezählten Daten in ein einsprechendes Formular ein, welches wir alle am Ende mit unserer Unterschrift als “korrekt” verifizierten.

Dann folgte noch eine telefonische Meldung des Ergebnisses an eine obere Stelle und damit war der Wahlsonntag für uns erledigt. Bereits gegen 18:30 Uhr war alles beendet und wir konnten den Heimweg antreten.


Für mich war das ein spannender Tag an dem ich Demokratie mal “von einer anderen Seite” kennenlernen durfte. Und ich kann auch erneut bestätigen, dass in unserem Lokal alles seinen korrekten Ablauf gefunden hat.
Verschwundene Wahlzettel oder “kreative” Auszählformen konnte es wegen der gegenseitigen Kontrolle nicht geben.

Enttäuscht war ich von der geringen Wahlbeteiligung in meiner Umgebung. Gerade einmal 40% der registrierten Personen waren zu uns gekommen um von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen.
Eine solche Zahl ist für jede Wahl ein schlechtes Beispiel. Und ich finde es Schade, dass wir unsere Verantwortung innerhalb Europas nicht wahrnehmen und dann dennoch bei jeder Gelegenheit über EU-Beschlüsse schimpfen.

Doch da ich gerade erfahren habe, dass die Wahlbeteiligung österreich-weit bei über 50% liegt, bin ich dezent beruhigt … denn 50% sind aus meiner Sicht das absolute Minimum für eine demokratische Legitimation.

Jedem, der daran Interesse hat, kann ich nur empfehlen dieses Ehrenamt ebenso einmal zu bekleiden. Es ist nichts magisch-geheimnisvolles daran, nur streckenweise etwas eintönig … doch man kann dann mit Recht behaupten, zumindest ein bisschen etwas “für die Demokratie” getan zu haben.

… von ein paar interessanten Gesprächen mit den netten anderen Wahlbeisitzern mal abgesehen …


Wenn sich eine triviale Erkenntnis mit Dummheit in der Interpretation paart, dann gibt es in der Regel Kollateralschäden in der Anwendung.
frei zitiert nach A. Van der Bellen
... also dann paaren wir mal eine komplexe Erkenntnis mit Klugheit in der Interpretation!